auf der Webseite von der Gemeinde Guarda im Unterengadin.


Auszug aus: Guarda, Not Caviezel, © Schweizer Kunstführer, Herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Link: www.gsk.ch.
Im Gegensatz zur oberengadinischen Hochebene, wo der noch junge Inn zahm talwärts zieht, haben die erdgeschichtlichen Ereignisse im unteren Inntal eine ganz andersartige Landschaft geformt. Die rechte Talflanke mit den Unterengadiner Dolomiten ist sehr zerklüftet, stark bewaldet und steil. Recht verschieden haben Gletscher und Flüsse die linke Talseite geprägt, deren geologische Beschaffenheit die Ausbildung einer ziemlich breiten Talsohle und weich ansteigender runder Geländeformen mit höher gelegenen Terassen erlaubte.
Auf einer ausgedehnteren Geländeterasse, gute 250 m über dem Inn, und am Ausgang des seitlichen Alptales „Val Tuoi" liegt Guarda (1653 M.ü.M.). In Giarsun, einem zu Guarda gehörigen Weiler in der Talsenke, beginnt die heutige Zufahrt durch Wiesenhänge anzusteigen, führt am kleinen Bahnhof der Rhätischen Bahn vorbei und windet sich in wenigen Kehren bis zum westlichen Dorfeingang. Seit 1865, als die neue Talstrasse von Lavin nach Ardez gebaut wurde, liegt Guarda im Schatten der grossen Verkehrsströme. Diese Tatsache wirkte sich in wirtschaftlicher Hinsicht eher nachteilig aus; für die Erhaltung des Ortsbildes war es zweifellos ein glücklicher Umstand.
Der Dorfname „Warda" erscheint erstmals im Jahre 1160 in einer Schenkungsurkunde der Edlen von Tarasp an den Churer Bischof. Vom altgermanischen „warda" abgeleitet, bezeichet der Name eine Warte. Es ist nicht mehr auszumachen, ob die Bezeichnung sich ursprünglich auf einen Wachtturm bezogen hat, dessen Fundamente unter dem um 1910 oberhalb des Dorfes errichteten und heute nicht mehr benützten Schützenhaus liegen sollen. Naheliegender ist wohl dass der Verlauf der mittelalterlichen Unterengadiner Strasse, die in Guarda einen ihrer höchsten Punkte zu überwinden hatte, dem Ort den Namen gab. Noch heute geniesst man von dieser „warda" aus einen prächtigen Ausblick ins obere und untere Inntal.
Vom Jahre 15 v.Chr. an war das Engadin Teil der römischen Provinz Raetia, seit dem Ende des 2.Jahrhunderts gehörte das Tal zur Raetia prima. Das im Engadin heute gesprochene ladinische Idiom des Rätoromanischen führt letztlich in jene Zeit zurück. Die römischen Provinzialeinrichtungen hielten sich bis in die Zeit Karls des Grossen, der das gewohnte römische Recht auch weiterhin gelten liess. Im Jahre 960 kam das Unterengadin zur Grafschaft Vintschgau, deren Besitzrechte jedoch seit 1140 von den Grafen von Tirol vertreten wurde. Die Besitzverhältnisse im Unterengadin wurden fortan immer komplizierter. Rechte des Bischofs von Chur stiessen auf Ansprüche der Tiroler Grafen und des heute italienischen Klosters Marienberg im oberen Vintschgau. 1363 übertrug Margareta Maultatsch, die letzte Vertreterin des Grafengeschlechts von Tirol, das Unterengadin ihren Vettern, den Herzögen von Habsburg-Österreich. Auf kirchlicher Ebene war der österreichische Einfluss über geschickte Besetzungen des bischöflichen Stuhls in Chur inzwischen bedrohlich gestiegen, mitunter ein Anlass, dass 1367 der Gotteshausbund, dem auch das Engadin angehörte, entstehen konnte. 1424 wurde der Obere oder Graue Bund, 1436 der Zehngerichtenbund geschlossen. Durch verschiedene teilbündnisse miteinander verknüpft, handelten sie bereits im Verlaufe des 15.Jahrhunderts als „Gemeine Drei Bünde". Die nach wie vor verworrenen Unterengadiner Besitzverhältnisse verursachten ständig Zwistigkeiten, die 1475 in eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Gotteshausleuten und Österreichern mündeten. Weil die Ursache angeblich die Verweigerung des „Fastnachtshuhns", einer alljährlichen Abgabe an die Österreicher, war, gingen die Streitigkeiten als „Hennenkrieg" in die Geschichte ein. Am 18. Februar 1494 trennte sich Guarda von der Mutterkirche in Ardez und wurde zur selbständigen Pfarrgemeinde. Im Schwabenkrieg (1499) brannte das Dorf beinahe vollständig ab, nur wenige Häuser und die Kirche blieben verschont.
Die zu guter Letzt siegreich bestandenen Kämpfe im Schwabenkrieg (Schlacht an der Calven 1499), die Eroberung des Veltlins, der Grafschaften Worms (Bormio), Kläven (Chiavenna) und der drei Pieven am Comersee (1512) sowie die formelle Besiegelung des rätischen Freistaates (1524) hatten das bündnerische Selbstbewusstsein merklich erstarkt. Doch die erste Belastungsprobe für die junge Republik liess nicht lange auf sich warten.
Die im Norden einsetzende Glaubensspaltung erreichte bald auch das untere Engadin. Unter der treibenden Kraft des Prädikanten Philipp Gallicius (1504 - 1566) traten Guarda und seine Nachbargemeinde Lavin bereits im Dezember 1529 der neuen Glaubenslehre bei. Zum beinahe ein Jahrhundert dauernden Disput um den alten und neuen Glauben gesellten sich in Bünden bald weitere innere Konflikte, die für viele Täler verheerende Folgen haben sollten.
Immer klarer zeichneten sich die Positionen der europäischen Grossmächte ab. Spanien-Mailand verbündete sich mit Österreich, Frankreich mit der Venezianischen Republik. Mitten in diesem Spannungsfeld lag das Passland der Drei Bünde. Um sich den politisch, strategisch und wirtschaftlich wichtigen Durchgang und die Passübergänge zu sichern, versuchten die involvierten Parteien mit Hilfe so genannter „Pensionen „ - eigentlich Bestechungsgelder - einflussreiche Bündner Familien als Verbündete zu gewinnen. Die 1620 mit einem furchtbaren Niedermetzeln der Protestanten im Veltlin einsetzenden „Bündner Wirren", an denen die katholischen Planta und deren reformierte Widersacher Salis entscheidenden Anteil hatten, verkündeten nichts Gutes.
Am 26. Oktober 1621 fiel der österreichische Oberst Baldiron mit einem starken Heer ins Tal ein. Unter Mord und Plünderung zog er über den Flüelapass ins Prättigau, von wo er nach einem Aufstand der einheimischen Bevölkerung ein knappes Jahr darauf mit seinem deutschen und spanischen Kriegsvolk nach Chiavenna abziehen musste. Mit 20 neu zugezogenen Kompanien startete Baldiron am 31. August 1622 vom Münstertal aus zum entscheidenden Racheakt. Sämtliche Unterengadiner Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt, die Bevölkerung konnte lediglich Leib und Leben retten. Dieser brutale Zerstörungszug war auch für die Siedlungs- und Baugeschichte ein einschneidendes Ereignis. 1652, vier Jahre nach der Beilegung des Dreissigjährigen Krieges, dessen Randerscheinung die Bündner Wirren waren, konnte sich das Engadin von den letzten Habsburg noch verbliebenen Rechten loskaufen. Noch einmal, 1798 - 1800, als sich die Franzosen und die Österreicher wegen des begehrten Bündnerlandes abermals in den Haaren lagen, wurde das Engadin zum Kriegsschauplatz. Besonders schwer in Mitleidenschaft geriet wiederum die Region des Unterengadins, welches den plündernden Truppen regelrecht ausgeliefert war. 1803 wurde Guarda zu einer Gemeinde des neu entstandenen Schweizer Kantons Graubünden.
Bis heute konnte nicht nachgewiesen werden, ob das Engadin in der jüngeren Steinzeit bereits bewohnt war. Verschiedene archäologische Funde belegen jedoch eine recht starke Besiedelung während der späten Bronzezeit. Am Rande eines gewaltigen Steinwalls auf „Patnal" oberhalb Giarsun wurden 1938 unbedeutende Funde gemacht, die den Wall in die prähistorische Zeit rücken. Die Datierung der archäologischen Reste ist heute umstritten. Die riesige, gegen 120m lange, 9m hohe und heute grösstenteils bewachsene Steinaufschüttung (ca. 10'000m3) könnte zu einer eisenzeitlichen Befestigungsanlage gehört haben. Abwegig ist die Vermutung jedenfalls nicht, denn die Flurnamen „Padnal", „Patnal", „Pedenal" usw. bezeichnen in und ausserhalb Graubündens häufig analoge Geländelagen, wo archäologische Grabungen eindeutig urgeschichtliche, teilweise sogar kontinuierlich bis ins Mittelalter benutzte Schutzfesten nachgewiesen haben.
Man darf für das Unterengadin eine Siedlungskontinuität annehmen, die mit unterschiedlicher Intensität von den frühen Kulturen über die noch ungenügend erforschte römische Zeit ins Mittelalter reicht. Im ersten Jahrtausend behauptete sich das kirchliche Zentrum Ramosch, gefolgt von weiteren, bereits im Hochmittelalter geschlossenen Dörfern wie Tschlin, Sent, Scuol, Ftan oder Zernez. Guarda war zu jener Zeit noch eine bescheidene Hofsiedlung und lag am Rande des Hauptsiedlungsgebiets. Erst im Verlaufe des 13. und 14.Jahrhunderts vermochten sich diese marginalen Zonen, zu denen beispielsweise auch das obere Münstertal und das Samnaun gehörten, stärker zu entwickeln. Auch in Guarda lässt sich im laufe des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit das allmähliche Zurückbilden lockerer Siedlungsteile auf einen konzentrierten Kern feststellen. Heute vom Erdboden verschwundene Weiler wie Auasagna („Aqua sana", mit einer Heilquelle) im Osten und Guarda Pitschen im Westen der Hauptsiedlung konnte der Chronist Durich Chiampell (Ulrici Campelli) in seiner „Raetiae Alpestris Topographica Descriptio" von 1573 noch beschreiben. Bereits in Nicolaus Sererhards „Delineation" der Bündner Gemeinden aus dem Jahre 1742 aber ist Auasagna als „schon längstens abgegangen und unbewohnt Nachbarschaftlin" verzeichnet; heute sind in der Mulde zwischen Guarda und Bos-cha nur noch einige Steinhaufen zu sehen, die an den Weiler Auasagna erinnern.
Die Viehwirtschaft und der Ackerbau wie auch die besondere verkehrsgeographische Lage an einer ziemlich frequentierten Route für Warentransporte prägten die noch heute erhaltenen Struktur der Dorflage bereits im frühen Spätmittelalter. Die damals aufgetretene Verknappung der Weideflächen veranlasste die Bauern aus Guarda, verschiedene Alpen jenseits der Gletscher in der Silvretta zu bestossen. Diese im heute österreichischen Paznauntal liegenden Territorien wurden erst im 19.Jahrhundert verkauft.
In seiner Substanz geht das heutige Dorf weitgehend in die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Österreichersturm von 1622 zurück. Selbst wenn die Engadiner Strasse nie die Wichtigkeit der grossen Routen über den Septimer-, Julier, Reschen- und Brennerpass erlangte, so führte ein doch ansehnlicher Teil des Saumverkehrs zwischen Comersee und Innsbruck durch das Tal und somit auch über Guarda. Die Möglichkeit, aus diesem Verkehr Profit zu ziehen, wurde von etlichen Einheimischen wahrgenommen. Der Betrieb von Herbergen und Susten war einträglich und kompensierte den Verdienst, der Guarda beim fehlenden Holzhandel entging. Während nämlich das übrige Unterengadin bis ins 19.Jahrhundert hinein bedenkenlos Kahlschlag betrieb und ganze Wälder auf dem Inn ins Tirol zum Verkauf triftete und flösste, wusste Guarda als eine der waldärmsten Gemeinden stets haushälterisch mit dem Holz umzugehen.
Auch von Guarda zogen während des 17., 18. und 19.Jahrhunderts viele in entfernte Länder, um dort als Schuster, Zuckerbäcker, Cafetier oder wie auch immer ihr Glück zu versuchen. Als Söldner und Offiziere finden wir Engadiner im Dienste fremder Herren. Eine gesamthafte und allgemeingültige soziale und historische Beurteilung des Phänomens der traditionellen Engadiner Emigration ist ohne zu differenzieren nicht möglich; sicher ist jedoch, dass die Auswanderung zeitweise gesellschaftliche Auswirkungen zeigte, die, zum Guten oder Schlechten gewendet, bis in die Dörfer und Stuben der Daheimgebliebenen reichten.
Während andere Ortschaften - im Unterengadin vorab Scuol - in diesem Jahrhundert eine leistungsfähige Fremdenindustrie aufbauen konnten, blieb dies dem kleinen, abseits liegenden Guarda versagt. Inzwischen haben grosse und kleine Touristenorte gegen die Verschandlung ihrer Dörfer und gegen einen unwiderruflichen Verlust ihrer Identität zu kämpfen, an der wie Krebs der Einbruch des Massentourismus nagt. Guarda hat die Konsequenzen gezogen; jeder Besucher ist willkommener Gast, auf das Gewühl und Getümmel grosser Heerscharen möchten die Einwohner lieber verzichten.